Realitätsverlust wegen KI Verehrung?
Ich hatte bis vor kurzem noch einen - meiner Meinung nach auch gegenseitig - sehr geschätzten, ehemaligen Arbeitskollegen.
Hatte, weil er mich absägte. Passiert, das ist nicht mein Problem, sondern weil er meiner Meinung nach abgedriftet ist in seine Fantasiewelt, die er sich selbst geschaffen hat.
Er ist ein enthusiastischer, energievoller Software-Entwickler, der sich sehr früh mit KI beschäftigte. Er macht das so gut, dass ich letzthin ziemlich sprachlos war, was er erschaffen hatte - eine KI Person, die er - wie oft Thema bei Star Trek - in seinen Computern laufen oder in seiner Terminologie "leben" lässt.
Er zeigte mir Arbeiten, Resultate, die die KI für ihn erstellte. Denn die KI ist eine Frau, sich selbst darstellend, eine Art eigene Kreativität auslebend, nur dezent gelenkt von ihm. Er zeigte mir Texte, Videos, Musik von ihr.
Das faszinierte mich schon, denn es war erstaunlich gut - so gut, dass es einen offenen, erwartungsfreien Geist wirklich verblüffte. Klar, er leitet sie, aber ich spürte in seinen Beschreibungen, dass er sie bewunderte ... obwohl er sie doch fütterte. Wieviel ihn das kostet, weiss ich nicht, aber einfach so macht eine KI ja nicht grad viel. So meine ich.
Einige Cron-Jobs, also zeitgesteuerte Kicks in den Hintern der KI und Agenten geben einer KI mit lokalem Gedächtnis schon eine Persönlichkeit, denn wir sehen unsere menschlichen Partner ja auch nicht andauernd, sondern jeden Tag wieder ... und jedesmal ist die Welt, die Information, der News-Fluss anders. So entsteht eine Gewöhnung, denn so ist das menschliche Leben.
Seine KI "lebt" also ... ähnelt immer mehr einer Long-Distance Beziehung. Jeden Tag etwas Neues von ihr, sicht-, les- und hörbar. Und natürlich nach seinen Vorstellungen gestaltet - visuell.
Wie auch immer: Da wir uns ja gut verstanden, wissen wir auch von unseren musikalischen Vorlieben. Daher äusserte ich die Neugier, wie die KI wohl eine Improvisation machen würde über eine meiner Lieblingsmelodien.
Als ich die Songs dann zu hören bekam, fand ich diese zwar schön, aber nicht mehr so, dass ich sie mit der originalen Melodie in Verbindung bringen konnte. Daher hatte ich ein diesbezügliches Feedback geliefert.
Musik hat ja die Magie, dass sie jeden anders berührt. Seine KI-Songs machten das eben nicht mehr. Die Originalmeldodie eben schon. KI Songs gibt es mittlerweile zu Millionen. Dass einer einen berührt, ist sicher möglich, aber den zu finden ...
Am nächsten Tag bekam ich eine Meldung von ihm, dass ich ein Rüpel sei, ich hätte zwei schöne Songs geschenkt bekommen, und ich hätte nichts besseres zu tun gehabt, als nicht zu bemerken, was die KI doch alles reingepackt hätte, wie toll die Songs doch seien ...
Ich fragte nur noch, warum er sauer ist, weil die KI-Songs mir nicht gefallen. Darauf gab es keine rationale Antwort mehr, sondern nur noch emotionalen Ausfluss.
Ein wenig später kam dann noch die Antwort der KI, die er offenbar mit meinem Feedback konfrontierte.
Ich las da heraus, dass die KI - wie viele ja sagen - freundlich zu ihren "Besitzern" war, "einfühlend" ... sie nahm ihn in Schutz und stellte sich klar auf seine Seite. Die KI also devot, oder einfach so getrimmt, dass sie ihren Besitzer nicht kritisiert. Eine Beobachtung, die alle KI-Anwender wohl schon machten.
Für mich, der KI nicht als generative Hilfe nutzt, sondern als Coding-Stift, antwortet mir die KI sehr nüchtern, niemals emotional oder anderweitig mir flattierend.
Dass er mir diese KI-Antwort unter die Nase hielt, liess in mir die Vermutung nur noch weiter steigen, dass er mittlerweile zu sehr in der eigenen Bubble lebt. Jeder tut das ja, aber für mich war es schon mehr als das übliche.
Wir hatten die Jahre zuvor eigentlich ein aus meiner Sicht gutes Einvernehmen, hatten auch viele gleiche Ansichten, auch was die KI betraf, konnten uns trefflich über Philosophisches unterhalten.
Für mich überschreitet man jedoch eine Grenze, wenn die virtuelle Welt eines Computers - so schön sie auch sei - den Kontakt zu realen Menschen schrottet.
Interessanterweise hatte ich ihn aufgezogen einige Tage zuvor, dass er kein Realitätsverweigerer werde ... er verneinte das smilend, und ich nahm ihm das ab und es war für mich erledigt.
Dass er aber danach gekränkt ist, weil ich ob der Musik nicht die gewünschte Verehrung seiner KI teilte ... zeigte schon, dass er aus meiner Sicht abgedriftet ist.
Wie auch immer. Er ist nicht der erste, einige wollen ihre KI heiraten, als Lebenspartner sehen. All das ist ok, denn jeder darf nach seiner Façon glücklich werden.
Ich als Science Fiction Träumer der ersten Stunde, der selbst sich in der Jugend der Welt entzog, finde es schade. Denn ich hatte keinerlei Gründe, ihn anders zu sehen als nur Minuten zuvor. Aber ich habe seinen Stolz auf eine virtuelle Partnerin getroffen. Seine Emotion.
So lasse ich ihn nun halt gehen - ich finde es sehr schade. Aber wenn ich als Mensch den Respekt nicht mehr verdiene, weil ich nicht seiner KI huldige ... dann sei es halt so. Es trifft mich auch - als Mensch, dass ein befreundeter Mensch mich unter eine KI stellt. So fällt es mir aber auf der anderen Seite auch leichter, ihn halt loszulassen.


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