Kopenhagen - ein überschätztes St. Florian-Event

Mit etwas distanzierter Beobachtung habe ich den Verlauf von Kopenhagen verfolgt. Einge gewaltige, emotionale und - nota bene - energieverschwendende Veranstaltung, geeignet, um sich darzustellen, den Wichtigen zu markieren, sich aber auch mit vielen Leuten zu treffen, die sich sonst wohl nie kennenlernen würden. Die ehrlich Bemühten treffen auf Zaghafte, Realitätsverweigerer und Machtusurpatoren. Und das in den Variationen aller 192 Länder. Konnte das überhaupt klappen?

Ich hätte gewünscht, es kommt mehr raus. Und das nicht unbedingt, um das CO2-Ziel zu erreichen, sondern um den Puls zu erkennen, der die Gedankenwelt der Führer bestimmt. Der zeigt nun also an, dass man sich nicht festlegen will, dass man aus Rücksicht auf zuhause - oder der eigenen Verflechtung in Abhängigkeiten - keine Schritte raus aus denselben machen kann oder will.

Aber wir: Wieso sind wir denn enttäuscht? Hätte ein Vertrag irgendwas an der eigenen Verschwendung von Resourcen irgendwas geändert? Hätten wir nicht eigentlich nur darauf gehofft, dass wir "dank" Gesetzen einfach gezwungen werden, etwas an den eigenen Gewohnheiten zu ändern? So müssten wir nicht die Hand aus dem Hintern nehmen und selbst was tun, sondern könnten wie gewohnt als unwillig blökende Lämmer hinter dem Tätschmeister nachtrotten.

Dass es darum ginge und dass dies dem einen leicht, dem anderen schwer fällt, zeigte ein beeindruckender Dok-Film über ein finnisches Ehepar, das sich vornahm, ein ganzes Jahr lang auf alles mit Plastik zu verzichten, so wenig wie möglich Öl zu verbrauchen, CO2 zu produzieren.

Die Familie, Eltern und zwei Kinder, hatten ein Ferienhäuschen auf einer kleinen Insel, demnach auch ein Boot, dorthin zu gelangen, und die Eltern brachten ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, nutzten das Auto wie alle, um "schnell mal eben" etwas zu erledigen.

Der Impuls zur Aktion hatte der Ehemann, seine Ehefrau machte wohl ihm zuliebe mit, wie sich am Ende des Films zeigte. Zu deren Resultaten: Sie konnten ihren Resourcenverbrauch um 52% kürzen, ohne spürbar am gewohnten Lebensstandard Abstriche machen zu müssen. Heizungen wurden auf Pellets umgebaut, das Boot und das Auto bekamen Pflanzenöl-Motoren, die allzeitige, vereinsamende Verfügbarkeit des Autos wurde gegen die gemächlichere, sozialere Taktplanung des öffentlichen Verkehrs ausgetauscht. Eigentlich alles keine grossen Sachen und erst noch solche, die allesamt jetzt und hier verfügbar sind.

Das Spannende am Film war die Darstellung dessen, was der Familie passierte während des Experiments: Die Kinder hatten schnell akzeptiert, dass sie mit dem Fahrrad und dem Bus zur Schule gehen mussten. Die Verweigerung, Plastik zu nutzen, wollte die Familie bei Einkäufen zunächst noch erklären, musste sich mit der Zeit jedoch mit der Ausrede behelfen, die Familie hätte halt eine Plastik-Allergie. Die Umwelt habe wohl einfach fassungs- und verständnislos reagiert, dass irgendwer auf Plastik verzichten möchte. Alle Küchengerätschaften wurden ausgetauscht, es mussten neue Ideen und Lösungen gefunden werden für Beutel, Dosen, Flaschen, Gefässe etc.

Eindrücklich fand ich die Reaktion der Ehefrau nach dem Jahr: Es gab eine veritable Ehekrise, die das bereits oben erwähnte Mitlaufen der Ehefrau offenlegte. Während ihr Mann aus Einsicht nicht mehr zur Lebensart vor dem Jahr zurückkehren wollte, brach sie fast zusammen, sie wollte wieder zurück zur gewohnten verschwenderischen Art. Keine Einsicht, sondern eben nur Mitlaufen, Unterwerfung unter anderer Leute Ideen, kein Wille zur Gewohnheitsänderung.

Offenbar merkte sie im Alltag, wie stark Gewohnheiten sind, nicht nur ihre, sondern diejenigen aller. Wieso mussten sie zur Ausrede von wegen Allergie greifen? Was musste sie sich wohl im Bekanntenkreis alles anhören? Grüne Spinnern, verklärte Träumer, absonderliche Aussteiger? Was auch immer. Wie fühlte sie sich da wohl, abgestempelt, eventuell ausgegrenzt aus der Gemeinschaft?

Der Film endete ohne ein Happy End, er liess zumindest offen, ob diese Familie die sparendere Lebensweise weiter verfolgt. Er zeigte einfach, wie der Ehemann es probierte, wie die Familie diese 52% Einsparung erreichte, dass der Heizungsaufwand derjenige war, an dem am wenigsten zu sparen war, dass die Gewohnheit der Gesellschaft zu sozialen Anspannungen führte und so am meisten diejenigen traf, die oft mit ihr interagierten. Die Erkenntnis, ja die Erfahrung jedoch war die: Es geht! Und die Lebensqualität hat zugenommen, denn vor allem der Indiviualverkehr, das Auto also, das Stress, Hektik, selbst gemachten Zeitdruck ins Leben einschleichen lässt, wurde als heimlicher Gewohnheitsgenerator enttarnt. Mit dem Verzicht auf dessen Verfügbarkeit zog Gelassenheit, Planung, mehr Sozialkontakt ins Familienleben ein.

Nun zurück zu Kopenhagen: Hätte der Vertrag diese Familie betroffen? Wann hätte er dieses Experiment ausgelöst? 2020? Wann wäre der Gesinnungsumschwung eingetreten? Wohl erst dann, wenn der gesetzliche Druck es verlangt hätte. Und so geht es uns allen: St. Florian-Gesinnung vom Feinsten: Ich mach ja dann schon mal mit, aber der andere muss auch.

In Kopenhagen war mir dies zu stark spürbar. China, Indien, Kanada, Russland wollen sich die Entwicklung vorbehalten. Es ist nachvollziehbar. Doch: Wohin wollen sie sich denn als Völker entwickeln, wenn diese Welt sich so ändert, dass es eventuell gar kein erstrebenswertes Ziel mehr wäre, in ihr künftig leben zu wollen?

Wollen all die Staatschefs wirklich, dass ihre Kinder und Enkel in einer lebensfeindlicheren Welt aufwachen müssen? Wo möglicherweise Streit um Lebensgrundlagen Alltag sein könnten? Wenn nein, wieso setzten sie sich nicht einmal für ihre ureigenste Nachkommenschaft ein?

Nun eine 180°-Wende: Die Erde, das Klima, die Menschen ändern sich (obwohl ich bei den letzteren nicht so sicher bin). Keiner weiss heute, wie es der Menscheit ergeht, wenn die Erde 10° wärmer wäre. Sicher ist nur, dass sie sich anpassen muss. Sie wird Lösungen finden müssen - nicht nur technische, sondern vor allem wohl soziale. Denn immerhin: CO2 ist ja nicht giftig - es ist nur erstickend für Mensch und Tier. Die Pflanzen werden sich freuen und vielleicht kommt ein Vegetationszeitalter, das sehr üppig ist. Es ist aus heutiger Sicht einfach nicht zu sagen.

Also lassen wir uns keine Angst einreden, keine Schuld im Sinne von Böse-Sein. Aber auch keine einlullende, blinde Verleugnung. Verursacher sind wir, das ist völlig klar. Also soll jeder mal über Konsequenzen seines Tuns für sich und seine Nachkommen nachdenken. Und dann Verursacher von Gewohnheitsänderungen werden. Erst diese werden den Zustand der Welt ändern - ob freiwillig oder genötigt.

Kein Kongress von alten, eingerosteten, gewohnheitsgesteuerten, machtversessenen Männern würde das je schaffen. In diesem Sinne war Kopenhagen keine grosse Enttäuschung.

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